Similia Similibus Curantur

Vergleichende Arzneimittellehre/Eugenio F. Candegabe

Eugenio F. Candegabe
Vergleichende homöopathische Arzneimittellehre

Leseprobe
Vergleichende homöopathische Arzneimittellehre
von Eugenio F. Candegabe

Geleitwort
Dr. Eugenio F. Candegabe stellt seine Arbeit über die vergleichende Materia Medica in Form eines Lehrbuches vor, das einen sehr wertvollen und längst erwarteten Beitrag zur homöopathischen Lehre leistet.

Dr. Candegabe zeigt hier meisterhaft, daß beim Studium der homöopathischen Materia Medica das Wesen oder das grundlegende charakteristische Syndrom eines Heilmittels erfaßt werden muß. Dieses bestimmt die Heilkraft des jeweiligen Arzneimittels, und es muß in Analogie zum Leiden des Patienten stehen.

Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, die wesentlichen Prinzipien, die die Entwicklung der chronischen Krankheiten bestimmen, d. h. die Miasmen zu erfassen. Die miasmatische Veranlagung prägt die Persönlichkeitsstruktur und die Entwicklung eines Menschen, bevor überhaupt eine organische Pathologie sichtbar wird; sie zeigt uns, was beim Patienten zu heilen ist.

Der wichtigste Aspekt in der homöopathischen Praxis ist deshalb das Beherrschen der Kunst der richtigen Befragung (Anamnese), um eine Krankengeschichte zu erstellen, die ein authentisches Bild des Kranken als Gesamtperson wiedergibt. Dieses erschöpft sich nicht in einer klinischen Krankengeschichte, die die objektiven und subjektiven Symptome einer organischen Funktionsstörung und deren physikalischchemische Veränderungen beschreibt. Vielmehr handelt es sich um eine persönliche Biographie, die die Funktionsstörung des Individuums im Zusammenhang mit seiner ganzen Persönlichkeit beschreibt. Denn wir können einen Menschen nur verstehen, wenn wir versuchen, ihn in seiner Emotionalität, seiner Beziehung zu sich selbst und anderen und in seinen materiellen wie immateriellen Wertvorstellungen zu begreifen, di  seine Beziehung zur Umwelt regeln.

Es ist hierbei unerläßlich, bei jedem Patienten die Symptome festzustellen, die, weil sie keiner organischen Pathologie unterliegen, sonderbar und eigentümlich sind. Diese Symptome sind der charakteristische Ausdruck der gestörten dynamischen Lebensvorgänge eines Menschen, und sie erfordern vom Homöopathen einen klaren Blick für das psychische Problem des Kranken und ein tiefes Verständnis für seine Persönlichkeit. Die Anamnese soll zur Diagnose des Simillimums führen, welches in seinem Wesen genau dieser tiefen psychischen Problematik entspricht. Diese besteht in den negativen Faktoren, die den Heilprozeß oder den Willen des Individuums hemmen, sich psychisch und physisch zur Reife hin zu entwickeln. Der Mangel an Liebe ist hierbei das menschliche Drama par excellence.

Die Art und Weise, wie wir das Leben erfahren und unsere Persönlichkeit entfalten, ist durch unsere Entwicklungsgeschichte geprägt. Der Reife- und Anpassungsprozeß an die Realität, den der Kranke in seinem Bericht schildert, gibt Einblick in seine persönliche Verarbeitungsform von Erlebnissen und enthüllt den grundlegenden Konflikt einer gespaltenen Persönlichkeit, die ihre gegenwärtige Situation mit den in der Kindheit geformten Verhaltensmustem, Gefühlen und Emotionen zu bewältigen versucht.

Die körperlichen Bedürfnisse, Gelüste und Abneigungen gegenüber Nahrungsmitteln, Klima- und Umweltempfindlichkeiten, kurz, alle Reaktionen psychischer und organischer Art, welche die Allgemeinsymptome und die besonderen Modalitäten in der Homöopathie ausmachen, dienen der Aufrechterhaltung und Verteidigung einer bestimmten Lebensart. Krankheit ist immer ein reaktiver Abwehrprozeß, und Neurose, das Substrat jeglicher Krankheitserscheinung, ist der Versuch, den Konflikt zwischen gestörten individuellen Triebwünschen und deren Verbot durch die Normen und Werte der Gesellschaft zu lösen oder auszugleichen. Hierbei steigert eine syphilitische Diathese den Zerstörungs- und Todestrieb, eine sykotische den Selbstbehauptungsund Geltungsdrang. Wie Dr. Candegabe sehr gut anhand des Repertoriums und mit Hilfe von Arzneimittelvergleichen zeigt, muß das bestimmende psychische Symptom Bestandteil des entsprechenden «Kleinsten charakteristischen Syndroms« sein. Dieses enthüllt den eigentlichen Persönlichkeitscharakter, zeigt das Heilkräftige am Arzneimittel und entsprechend dazu, was am Kranken zu heilen ist. Ob ein psychisches Symptom innerhalb der Lebensgeschichte eines Patienten charakteristischen Stellenwert erlangt, läßt sich nur durch die Verknüpfung mit anderen Symptomen ersehen. Und ebenso
sollte die Pathogenese auch die symptomatischen Wechselbeziehungen aufweisen, die für das Arzneimittel selbst typisch sind. Die Gesamtheit der von den Prüfern geäußerten individuellen Züge erlaubt es, zusammen betrachtet, die Bedeutung der gesamten Reaktionen zu verstehen, welche die dynamisierte Arznei hervorruft, und somit das Persönlichkeitsbild eines Arzneimittels zu erstellen.

Auf der Grundlage der entsprechenden Rubriken im Repertorium untersucht Candegabe eingehend diese Dynamik der Symptome und stellt die besondere Eigenheit im Persönlichkeitsbild eines Arzneimittels durch den Vergleich mit anderen heraus.